Wenn die Zukunft aufhört, dich zu retten
Seit ich ein kleines Kind war, wurde mir von meinen Eltern vermittelt, dass die Gegenwart der Schlüssel zu wahrem Frieden ist.
Ich kenne diese Lehre. Aus Kalendersprüchen. Aus Glückskeksen. Aus spirituellen Lehren. Aus Sätzen, die so oft wiederholt werden, dass man irgendwann glaubt, sie verstanden zu haben. In buddhistischen Lehren begegnet uns die Idee des Nicht-Anhaftens. Eckhart Tolle spricht über die Kraft des gegenwärtigen Moments. Wo man auch hingeht, trifft man unvermeidlich irgendwann darauf.
Kognitiv habe ich das schon lange verstanden. Und im Laufe meines Lebens immer tiefer. Aber etwas kognitiv zu verstehen, ist nicht dasselbe, wie es im eigenen Körper, im eigenen Leben, in der eigenen Trauer zu erfahren.
In den letzten zwei Monaten habe ich so sehr prokrastiniert wie noch nie zuvor. Und das, obwohl ich grade mitten in dem Geburtsprozess meines Herzensprojektes bin, das mich zutiefst begeistert und erfüllt. Ich bin nicht nur nicht vorangekommen, sondern konnte all die wunderbaren Momente nicht mehr genießen. Ich habe das Leben, das ich mir immer gewünscht habe und trotzdem war ich so weit weg von mir selbst. Meine Lebensfreude war in dieser Zeit so oft verschwunden.
Und auf der Suche nach dem Warum, in den Tiefen meines Erlebens, wusste ich, dass ich nicht prokrastiniere, weil mir mein Projekt unwichtig ist. Sondern weil ich ganz unbemerkt einen Teil von mir losgelassen habe, der mich so lange angetrieben hatte. Der Teil, der glaubte: Wenn dieses Projekt endlich draußen ist, wenn es gesehen wird, wenn es funktioniert, dann werde ich mich anders fühlen. Dann bin ich endlich die Version von mir, die ich sein will.
Weil ich so wahrhaftig, wie noch nie zuvor wusste, dass ich alles bin. Das alles für mich möglich ist.
Man könnte meinen, dass ich vor Freude hätte platzen müssen. Aber ich habe nur getrauert.
Endlose Trauer, die über meine Grenzen floß und sie verwischte.
Die Illusion lag zerbrochen in meinen Händen. Das Bild von dem, was ich bin, was ich nicht bin und meinem Werden.
Die scharfen Kanten, die blutige Striemen auf meinen Händen hinterlassen und mich daran hindern mich an das Seil der Illusion zu klammern und ihm in die Zukunft zu folgen, um dort alles zu finden, was ich je wollte.
Doch sie flüstern mir zu das ich der falschen Karte gefolgt bin.
Es ging nie ums Werden und immer um das Sein. Und so wird meine lineare Reise, auf die ich mich so lang vorbereitet habe, überflüssig.
Doch was fängt man an, wenn man angekommen ist?
Wenn all die Ziele meines Egos, was ich sein und nicht sein will, was ich fühlen will, was ich haben will, sich im Sturm des Moments auflösen.
Wenn ich alles bin und alles fühle.
Wenn ich nicht mehr von der Peitsche meiner Vergangenheit getrieben, versuche etwas zu sein. Wenn ich die Reichweite nicht mehr brauche, um liebenswert zu sein.
Das Geld nicht mehr brauche, um mich sicher zu fühlen.
Die Situation nicht mehr brauche, um ekstatische Lebensfreude zu fühlen.
Den Partner nicht mehr brauche, um tief zu lieben.
Die Projekte nicht mehr brauche, um meinen Wert zu beweisen.
Und die Zustimmung nicht mehr brauche, um mich berechtigt zu fühlen.
Wenn ich weiß, dass was immer ich tue, die Zukunft mir nicht mehr bringen wird, als jetzt schon verfügbar ist.
Wozu dann den Weg gehen? Meine Arbeit in die Welt bringen? Die Partnerschaft führen?
Das ist wohl die Form von Detachment die es braucht um sich selbst voll zu leben.
Wenn was ich tue, nicht mehr dazu dient eine Version von mir zu werden, sondern die Essenz dessen was ich bin Schritt für Schritt aufzudecken,
das Leben zu erleben
und dem Leben zu dienen.
Ziele sind nicht falsch. Aber sie dürfen nicht länger der Ort sein, an dem wir Berechtigung, Sicherheit oder Liebenswürdigkeit suchen. Nicht der Weg wird überflüssig. Nur die Illusion, dass wir erst am Ende dieses Weges ganz werden.
Natürlich tappe auch ich immer wieder in die Falle meines Geistes und verändere meinen Ausdruck um gemocht zu werden, tue Dinge, um es wert zu sein und versuche zu beweisen, dass ich gut genug bin. Doch das tiefe Wissen, die Tiefe Integration meiner Wahrheit wird mich nicht mehr verlassen. Und nach dieser emotionalen inneren Reise wird es nicht lange dauern, bis die Wahrhaftigkeit eingreift und mir die Möglichkeit schenkt meinen Kurs zu korrigieren. Mir erlaubt, einen noch bewussteren Umgang mit mir, meinen Schatten und dem Leben zu führen.
Um zu verstehen, wovon ich rede, muss ich zuerst zwischen äußerer Zeit und innerer Zeit unterscheiden.
Natürlich gibt es Alterungsprozesse, Tagesläufe und Jahreszeiten. Aber das ist nicht die Zeit, von der ich hier spreche.
Ich spreche von der psychologischen Zeit: von der inneren Bewegung, in der wir aus der Vergangenheit ein Bild von uns selbst formen und dieses Bild dann in die Zukunft projizieren.
Diese innere lineare Zeit ist ein Konzept. Eines unserer größten Paradigmen, das nicht außerhalb unseres Bewusstseins existiert. Wir können Vergangenheit und Zukunft nicht unmittelbar erleben. Wir erleben Erinnerungen, Vorstellungen, Erwartungen und Ängste – und zwar immer jetzt.
Viele Menschen verbringen ihr Leben in einer Vorstellung von linearer Zeit und merken nicht, wie sehr sie sich damit selbst begrenzen.
Denn begrenzt aus den Erinnerungen unserer Vergangenheit, bilden wir unsere Zukunft. Die Interpretation unserer Erinnerungen formen unser Selbstbild. Was du bist und was du nicht bist. Und vor allem was du werden musst. Die meiste Zeit versuchen wir irgendwer zu sein, der wir nicht sind und irgendwo hinzukommen, wo wir nicht sind.
Um uns an unseren Grenzen festzuhalten, brauchen wir Vergangenheit. Wir können nicht an etwas, das bereits vorbei ist, leiden, ohne unser Konzept von Vergangenheit. Und wir kämpfen nur gegen unsere gegenwärtige Situation, weil wir Angst haben, dass sie im nächsten Moment noch da ist. Wenn du wüsstest, dass du morgen eine Million Euro bekommen würdest, würdest du dir dann heute noch Sorgen um deinen Kontostand machen?
Hinter allem, was du dir wünschst, schwingt die Erwartungshaltung mit, dass wenn du dein externes Ziel erreichst, du dich anders fühlst oder dir ein anderes Label aufkleben kannst. Eine Klientin von mir hat jahrelang versucht erfolgreich zu werden und maximal viel zu Leisten, um die Anerkennung anderer zu kriegen, um dann endlich gut genug zu sein und ihren Nachmittagskaffee ohne schlechtes Gewissen zu kaufen, weil sie sich die Berechtigung für ihren Genuss dann erarbeitet hat.
Du hast das Gefühl das dieser Aspekt von dir, den du dir wünschst, nur verfügbar ist, wenn die Umstände, die du versuchst zu manifestieren, tatsächlich eintreffen. Doch egal wie viel meine Klientin auch geleistet hat, war es nie genug um sich endlich gut genug zu fühlen und Genuss zuzulassen.
Das Ich, das du für dich selbst bist und das aus den Limitationen deiner Vergangenheit und der Geschichte, die du dir über dich selbst erzählst, entspringt, kann deine Träume nicht verwirklichen, weil es fundamental auf Begrenzung basiert. (ich weiß: langer Satz, ich habs wirklich versucht :))
Dieses Ich kann deine Träume nicht frei verwirklichen, weil es auf den Grenzen basiert, die es eigentlich überschreiten müsste.
Wenn du erkennst, dass du in jedem Moment Zugriff auf das gesamte emotionale Spektrum der Menschheit hast, auf jeden Aspekt deines Selbst den du bisher noch nicht erfahren hast, erkennst du das die Gegenwart der Schlüssel zu deinem Glück ist. Dass du nur im Hier und Jetzt die Essenz und Qualität dessen, was du denkst, das du annehmen würdest, wenn du hast, was du versuchst zu erreichen, erfahren und entschleiern kannst (sorry, ich habs schon wieder getan). Wenn du erkennst, dass sobald du die selbstauferlegten Grenzen deiner Vergangenheit loslässt, jetzt gut bist, jetzt pure Ekstase empfinden kannst, jetzt tiefe Liebe empfinden kannst, jetzt wertvoll bist.
Solange du versucht dich z.B. berechtigter zu fühlen, indem du gewisse Dinge tust um berechtigter zu sein, impliziert nur das es etwas an dir gibt was gehen und kommen kann. Das kreiert einen emotioale Achterbahnfahrt von Vermeidung und Gewinnen.
Du kannst das Spiel von Prokrastination aufrechterhalten oder erkennen, dass du die Essenz dessen bist, nach dem du sucht und der Illusion verfallen, das du es nur findest, wenn sich deine Umstände ändern.
Wie Rumi schon sagte: “Your task is not to seek for love, but merely to seek and find all the barriers within yourself that you have built against it.”
Suche nicht nach Erfolg, suche nach den Barrieren, die du gegen Erfolg errichtet hast.
Suche nicht nach Berechtigung, suche nach den Barrieren, die du gegen deine Existenz errichtet hast.
Suche nicht nach Freude, suche nach den Barrieren, die du gegen Freude errichtet hast.
Suche nicht nach Sicherheit, suche nach den Barrieren, die du gegen das Gefühl von Sicherheit errichtet hast.
Versuche nicht gut genug zu sein, suche nach den Barrieren, die du gegen deinen Wert errichtet hast.
From the depths of my heart to you,
Santosha 💌